Presse

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5. Mai 2011, Artikel im "Kölner Stadt-Anzeiger"

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Von Augenblicken und der Dauer
AUSSTELLUNG Mutter und Sohn präsentieren Malerei und Fotografie im Bezirksrathaus


VON JÜRGEN KISTERS

 Wenn in einer Ausstellung gleichzeitig Malerei und Fotografie gezeigt werden, liegt es nahe, nach "Beziehungen" zu suchen und beide miteinander zu vergleichen. Sich der besonderen Eigenschaften des einen und des anderen Mediums zu vergewissern. Und die Frage aufzuwerfen, wie sie unsere Erfahrung von Wirklichkeit widerspiegeln und vielleicht sogar prägen.


Diese Möglichkeit bieten die Malerin Anne Dahm-Puchalla und der Fotograf Tobias Dahm derzeit in der VHS-Galerie-Lindenthal. Da es sich um Mutter und Sohn handelt, kommt zusätzlich die Frage auf, ob unterschiedliche Generationen in der Darstellung gleicher Themen und Motive unterschiedliche Medien wählen. So sind die Zeiten, in denen es der Malerei um die realistische Wiedergabe von Gegenständen und Figuren ging - trotz der jüngsten Belebung des malerischen Realismus - lange schon vorbei.

Mit leichter HandDas führt uns Anne Dahm-Puchalla mit ihren Gemälden und Skizzen eindrucksvoll vor Augen. Bereits mit den Impressionisten, insbesondere durch Maler wie Monet, van Gogh und Cezanne, verlagerte sich das malerische Interesse Ende des 19. Jahrhunderts hin zu einer Sichtbarmachung von einzigartigen Wahrnehmungs- und Empfindungsmomenten. Zwar bleibt der Bezug zur gegenständlichen Welt bestehen. Doch jedes Ding, ob Tasse, Tischdecke oder Blumenvase, erweist sich neben seiner Erkennbarkeit als praktisches Alltagsobjekt als Träger von Empfindungen und Träumereien. Mit leichter Hand und zarten Farben taucht Dahm-Puchalla in die malerische Wirklichkeit einer Poesie ein, in der es auf viele kleine Nuancen ankommt. Das sind die Nuancen, die in einer kräftig leuchtenden roten Blüte bereits ihre Vergänglichkeit erkennen lassen. Es sind die Nuancen, die einen Menschen in der Anschauung eines still dastehenden Gefäßes auf sanfte Weise bereits die Regungslosigkeit des Todes erahnen lassen. Diese Erfahrung ist das Thema des klassischen Stilllebens, von der Malerin mit satten Farben schwungvoll in die aktuelle Gegenwartserfahrung gebracht. Viel Weiß ist ihren Farben beigemischt. Und das Weiß sorgt dafür, dass wir ihre Bilder bei aller Melancholie als leicht und versöhnlich erleben.


Kann eine ähnlich existenzielle Erfahrung auch mit der Fotografie zum Ausdruck gebracht werden? Tobias Dahm hält den Schatten des durch die Luft springenden Skaters in einer Schwarz-Weiß-Aufnahme fest. Er zeigt das junge Liebespaar, das im Sonnenuntergang auf einem Felsen steht. Versucht der Fotograf von vorneherein, eine ganz andere Erfahrung im Bild festzuhalten, wenn er auf den Auslöser drückt? Dahms Bilder lassen jedenfalls vermuten, dass es ihm weniger auf eine Darstellung der Vergänglichkeit des Lebens ankommt als darauf, bestimmte Augenblicke der Vergänglichkeit zu entreißen. Er fotografiert die Karussell-Fahrer auf der Kölner Kirmes, um die Faszination an ihrem Rotations-Flug über den gesehenen Moment hinaus in Erinnerung zu behalten. Er zeigt die Himmelsspiegelung in einer Pfütze, um ihre gefühlte Einzigartigkeit über ihre Momenthaftigkeit hinaus zu erhalten.

Der diplomierte Sozialarbeiter und leidenschaftliche Fotograf erweist sich als ein Sammler von Augenblicken, die ihn aus unterschiedlichen Gründen berühren. Weil er darin eine Geschichte erkennt, einen poetischen Hauch oder den Zauber einer formalen Struktur.

Die Fotografie erweist sich für Tobias Dahm als Medium des Augenblicks. Für Anne Dahm-Puchalla ist die Malerei ein Medium der Dauer. So könnte ein erstes vergleichendes Fazit lauten. Doch man ahnt sogleich, dass die Vergänglichkeitsmalerin für den Augenblick malt. Und dass der Augenblicks-Bewahrer das unvermeidliche Gesetz des Vergehens und Verschwindens keineswegs außer Kraft setzen kann.

 

VHS-Galerie Lindenthal, Aachener Straße 220, Mo-Fr 9-20 Uhr, Sa-So auf Anfrage